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Königlich Preußisches Infanterie Regiment ”Von Wartensleben” (N°. 59) 1803 - 1806
von Dr. Klaus Dieter Kaiser
Generalleutnant Leopold Alexander Graf von Wartensleben war am 21. August 1802 gegen 9 Uhr vormittags zusammen mit dem Generalleutnant "von Voß" an der Spitze eines preußischen Korps von 3 500 Mann Stärke durch das Krämpfertor in Erfurt eingezogen.
Zum Korps gehörten ein Bataillon vom Dragoner-Regiment "von Voß" (Nr.11), das Füsilier-Bataillon von Rabenau Nr.13, das Füsilier-Bataillon von Rühle Nr.15 sowie ein Bataillon vom Infanterie-Regiment "von Wartensleben" (Nr.43). Letzteres erhielt ab 24.Januar 1803 den Namen seines neuen Regimentschefs ,"von Strachwitz", den es bis 1806 trug.
Graf von Wartensleben wurde Chef des in Erfurt am 1. März 1803 neu errichteten Königlich preußischen Infanterie-Regiments “Von Wartensleben” (No. 59), das nur bis zum Jahre 1806 bestehen sollte.
Aber noch war es nicht soweit!
Die preußischen Truppen waren auf Grund des preußisch-französischen Landabtretungsvertrages vom 23. Mai 1802 in Erfurt eingerückt, um Stadt und Festung als ehemals zum Erzbistum gehörendes geistliches Territorium in Besitz zu nehmen. Dies geschah im Vorgriff auf die Regelungen des Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Februar 1803, wonach Preußen für an Frankreich im Frieden von Lunéville abgetretene linksrheinische Gebiete unter anderem Erfurt und sein Umland als sogenanntes "Entschädigungsland" erhalten sollte.
Zur Zeit des Einmarsches des preußischen Corps befanden sich in der Stadt, die zur damaligen Zeit zugleich eine Festung war und zwei Citadellen besaß, noch ein kurfürstlich mainzisches Bataillon unter dem Befehl des Generalmajors "von Knorr" sowie das aus 10 Kompanien bestehende Erfurter Bürgerregiment, das vom sog. Stadtmajor befehligt wurde. Das auf Grund einer kaiserlich-kurmainzischen Konvention in Erfurt gelegene kaiserlich-königliche Bataillon "von Erbach" hatte bereits am 12. August 1802 die Stadt in Richtung Böhmen verlassen, um nicht mit den preußischen Truppen zusammen zu treffen. Während die etwa 400 mainzischen Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere - nach dem Einmarsch der Preußen entwaffnet und in die preußischen Bataillone, bis auf die Offiziere - nach Leistung des Treueids auf den neuen Landesherrn, König Friedrich Wilhelm III., eingereiht worden waren, wurde das Bürgerregiment aufgelöst.
Leopold Alexander Graf von Wartensleben, der als Generalleutnant am 21. August 1802 Erfurt mit in Besitz genommen hatte, wurde am 10. Februar 1803 vom König von Preußen zum Gouverneur der Festung - umfassend die Stadt Erfurt und die beiden Citadellen Petersberg und Cyriaksburg - ernannt.
Der am 29.Oktober 1745 in Berlin geborene Graf führte in Erfurt einen durchaus glänzenden Haushalt, wie seine Schwiegertochter, die Gräfin Reichenbach u.a. berichtete:
"Die Eltern bewohnten in Erfurt den Palast des Statthalters und waren dort fürstlich eingerichtet. Zu einem glänzenden Hausstande waren sie genötigt, weil der König und die hochselige Königin alljährlich eine Zeit lang dort verweilten, wo denn die Herzöge von Weimar, Gotha u.s.w. und die kgl. Verwandten ihren Besuch abstatteten. Der Vater hatte dort von Mappes zu Mainz ein Weinlager für 8000 Thaler gekauft, war auf Jahre mit Wachslichtern, Specereien und Vorräthen versehen, hatte dort sein beträchtliches Silber, Münzcabinet, Karten, Bücher, Porcellan, Glas und Weißzeug..., hatte seine 12 Pferde und mehrere Wagen dort...."
Andererseits traten zwischen der Bürgerschaft der Stadt und dem Gouverneur zunehmend Mißstimmungen und Konflikte auf, da dieser sich als eigentlicher Herr der Stadt aufführte und die bisherigen Gepflogenheiten sowie die Beschlüsse des Rates der Stadt oft mißachtete.
Am 24. Januar 1803 erging eine Ordre des Königs, wonach zum 1. März desselben Jahres ein neues Infanterie-Regiment (No.59) in Erfurt errichtet werden sollte, dessen Stamm das noch in der Stadt garnisonierende 2.Bataillon des Infanterie-Regiments Nr.43 bilden und dessen Chef Graf von Wartensleben werden sollte. In dem persönlichen Schreiben des Königs an den Grafen hieß es unter anderem:
"Mein lieber Generallieutenant Graf von Wartensleben!
Ich mache Euch hierdurch bekannt, daß ich die Formation eines 59ten Infanterie-Regiments zu Erfurth aus dem dort stehenden 2ten Bataillon Ihres bisherigen Regiments und den übernommenen Mainzer Infanteristen auf den 1.März d.J. bestimmt und Euch zum Chef desselben ernannt, unter anderem auch von den ehemaligen Mainzer Offizieren, den Stabskapitän von Linsingen und den Lieutenant Knoth von Helmfried dabei angestellt habe....Euch bestreben werdet, das Regiment baldmöglichst in dienst-mäßigen Stand zu setzen und mir dasselbe schon im Monath Juny d.J. bei meiner Reise über Erfurth dort in guter Ordnung vorzuführen...."
Dazu schickte das in Erfurt stehende 2. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr.43 seine Beurlaubten in die Garnison Liegnitz in Schlesien zurück, während die in Erfurt verbleibende diensttuende Mannschaft dieses Bataillons die brauchbaren Leute des ehemaligen Kur-Mainzischen Regiments "von Knorr" übernehmen sollte; hinzu kamen noch Stadtsoldaten von Mühlhausen und Nordhausen: insgesamt wurden 435 Mann übernommen. Außerdem wurden noch 51 Mann vom Füsilier-Bataillon "Graf Wedell" eingegliedert. Von den in die preußische Armee eingegliederten ehemals münsterschen Truppen wurden wohl 30 Unteroffiziere und 3 Gemeine übernommen. Der fehlende Rest wurde nach vollzogener Kantoneinteilung aus dem Eichsfeld, Mühlhausen, Nordhausen und Erfurt ausgehoben, die ergänzenden Ausländer sollten die laufende Werbung liefern.
So entstand ein Regiment von:
- 2 Musketier-Bataillonen á 5 Kompanien,
- 2 Grenadier-Kompanien,
- 1 (Depot) Bataillon á 4 Kompanien
- 1 Invalidenkompanie.
Bereits am Vorabend des Errichtungstages (1.März 1803) fand die Nagelung der Fahnen im großen Saale des Statthaltereigebäudes in Anwesenheit der Offiziere sowie Abordnungen der Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments statt.
Am Tag der Errichtung, dem 1. März 1803, trug sich nun aus Anlaß der Errichtung des neuen Regiments in Erfurt folgendes zu:
"Am 1.März nahm das Regiment auf dem Exerzierplatze, dem Krämpfer Felde, an der Straße nach Kerbsleben, Aufstellung. Die Bataillone waren zu Linie an 3 Gliedern formiert; die Compagnien derselben standen nach der Anciennität der Chefs, doch diejenige des Zweitältesten auf dem linken Flügel, 8 Schritt vor den zweiten Rotten ihrer Züge die Offiziere, vor der Mitte der Compagnien die Tambours, vor den Tambours der mittelsten die entrollten, neu verliehenen Fahnen, zwei bei jedem Bataillone. Nach Ankunft des Generallieutenant Grafen Wartensleben wurde im langsamen Schritt mit steil im linken Arm geschulterten Gewehr zum Kreise rechts und links geschwenkt. Es erfolgte das Commando: "Gebt Achtung - Präsentiert das Gewehr", hierbei salutierten die Offiziere mit dem Sponton in der rechten Hand während mit der linken Hand, an welcher der Degen hing, der Hut abgenommen wurde."
Unter präsentiertem Gewehr las der Regimentsauditeur Berndes die Kriegsartikel vor. Nachdem Gewehr bei Fuß genommen war, hielt der Regimentsprediger Marquardt ein Gebet und bat darin:
"Gott um seine Gnade, daß er einen guten Soldaten vor dem Meineid bewahren und ihn so regieren wolle, daß ein jeder, bei allen Begebenheiten, es sei in der Bataille, in Belagerungen oder anderen Affairen, seiner Fahne treu bleibe und selbige bis an den letzten Blutstropfen vertheidige, damit nie eine solche Fahne in des Feindes Hände kommen möge".
Auf das Gebet des Geistlichen folgte der Schwur auf die neue Fahne seitens aller Offiziere, Unteroffiziere und Gemeinen, letztere trugen dabei das Gewehr geschultert am linken Arm. Eine Ermahnung der Capitains an ihre Leute, den gethanen Eid wohl zu bedenken, endete die Feierlichkeit."
Bereits 3 Jahre später war es mit der ganzen Herrlichkeit vorbei. Das Königlich preußische Infanterie-Regiment von Wartensleben (No.59) wurde Ende 1806 durch die Kapitulationen von Erfurt und Magdeburg gegenüber den Armeen Napoleons aufgelöst.
Der Konflikt zwischen Preußen und Frankreich, der mit der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt endete, ließen auch die Stadt und Festung Erfurt einschließlich ihrer beiden Citadellen Petersberg und Cyriaksburg nicht unberührt.
In den ersten Oktobertagen des Jahres 1806 kündigte sich bereits an, daß eine militärische Auseinandersetzung unmittelbar bevorstand:
Die preußische Hauptarmee war in und um Erfurt eingetroffen, König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, begleitet vom Prinzen Louis Ferdinand, dem Herzog von Braunschweig sowie dem Fürsten Hohenlohe waren in der Stadt eingetroffen. Am 5. Oktober 1806 fand auf dem Anger an die dort angetretenen Truppen die Paroleausgabe statt, und bereits am folgenden Tage marschierten sie in Richtung Gotha und Eisenach ab.
Auch das Infanterie-Regiment von Wartensleben No.59 war aus Erfurt abgezogen und bildete bei der Hauptarmee zusammen mit dem Regiment "von Moellendorff", dem Grenadier-Bataillon "Knebel" und der 12-pfündigen Batterie "Lehmann" die 1. Brigade unter Oberst "von Lützow" innerhalb der Division des Zentrums, kommandiert vom Schwager des Königs, Generalleutnant "Prinz von Oranien". Während dem Regiments-Chef, Generalleutnant Graf von Wartensleben, die Division des rechten Flügels innerhalb der Hauptarmee anvertraut wurde, stand das Regiment bereits ab 1804 unter dem Befehl des Majors "von Ebra". Er entstammte einer thüringischen Familie, war davor Kommandeur eines der 1799 neugebildeten Grenadier-Bataillone gewesen und war mit 42 Jahren bereits Träger des Ordens "Pour le Mérite". Das 3. Bataillon des Infanterie Regimentes No. 59 war unter dem Kommando des Oberst "von Amelungen" zusammen mit dem 3. Bataillon des Infanterie Regimentes 45 (Zweiffel) unter dem Major "von Sobbe" als Besatzung in Erfurt zurückgeblieben.
Zwischen dem 10. und 16. Oktober 1806 wurde die Stadt immer mehr Zeuge der für die preußische Armee so tragischen Ereignisse von Jena und Auerstedt. Nachdem zahlreiche Truppen Erfurt durchzogen hatten, hörte man am Morgen des 14. Oktober aus östlicher Richtung immer stärker werdenden Kanonendonner; die Tore der Stadt wurden geschlossen und die Wälle mit den Truppen des Regiments "Kurfürst von Hessen" und des 3.Bataillons des Regiments “von Zweiffel” besetzt, während das 3. Bataillon des Regiments “Von Wartensleben” auf der Citadelle Petersberg verbleiben sollte.
Am 15.Oktober 1806 traf der Prinz von Oranien ,Schwager des preußischen Königs, und Generalfeldmarschall "von Moellendorff" in Erfurt ein. Gegen den Willen des Kommandanten der Zitadelle Petersberg, Major "von Prueschenk", wurde vom Prinzen von Oranien als Verhandlungsführer an Stelle des krank im Gasthof "Hohe Lilie" liegenden 82jährigen Generalfeldmarschalls "von Moellendorff" mit der französischen Seite über eine ehrenvolle Kapitulation verhandelt. Die Franzosen gewährten lediglich den Abzug der Besatzung mit Waffen, Gepäck, Fahnen und Kanonen aus der Stadt, wo die preußischen Truppen nach Niederlegung der Waffen auf dem Glacis kriegsgefangen wurden. Die Offiziere konnten ihren Degen und ihr Gepäck behalten und auf Ehrenwort, nicht mehr gegen Frankreich zu kämpfen, nach Preußen zurückkehren.
Im Sinne dieser Forderungen wurde die "Capitulation de la ville et citadelle d'Erfurth" am 15. Oktober 1806, 23.00 Uhr, auf dem Petersberge unterzeichnet. Damit war vom Prinzen von Oranien die schlechtest mögliche aller Lösungen - wie später insbesondere in einem Gutachten des damaligen Oberstleutnants "von Gneisenau" festgestellt wurde - erreicht worden, aber der Kampf in und um Erfurt war jetzt beendet.
So gerieten am 16. Oktober 1806 auch die noch in Erfurt vorhandenen Reste des Infanterie-Regiments von Wartensleben (No.59), nämlich das in Erfurt verbliebene 3. Bataillon und das nach der Niederlage nach Erfurt zurückgekommene 1.Bataillon, in Kriegsgefangenschaft, nachdem das übrige Regiment bereits zuvor in den Strudel der kriegerischen Ereignisse bei Jena und Auerstedt geraten war und letzte Reste am 11. November 1806 in Magdeburg kapitulierten. Regimentskommandeur Major "von Ebra", der bereits am Abend des 14. Oktober 1806 nach Erfurt verwundet transportiert worden war, konnte keinen Einfluss auf die Geschicke des Regiments mehr nehmen.
Am 19. Oktober 1806 schrieb der Chef des Regiments Nr. 59, Generalleutnant Graf von Wartensleben, an seine Frau aus der Festung Magdeburg, ehe auch er Anfang November in französische Kriegsgefangenschaft geriet, einen Brief, worin er die verzweifelte Lage auf preußischer Seite schilderte:
"Ich bin niedergeschlagen und unfähig, den geringsten Dienst zu tun; ich warte darauf, daß Frieden geschlossen werde, was sicher in einigen Tagen geschehen wird; denn alle unsere Armeen sind geschlagen trotz des Wertes unserer Truppen... sei darauf gefaßt, mich niedergeschlagen, traurig und beschäftigungslos zu sehen, mein Regiment ist ruiniert, mein Gouverneursposten unbesetzt. Erfurt wird von den Franzosen besetzt worden sein, alles ist verloren, aber die Ehre nicht...Warum bin ich nicht von einer dieser vielen um mich umherfliegenden Kugeln getroffen worden ?"
So war dem Infanterie-Regiment von Wartensleben (No. 59) nur eine kurze Lebensdauer beschieden, denn es hörte nach den Kapitulationen der Festungen Erfurt und Magdeburg am 15. Oktober 1806 sowie am 8. November 1806 auf zu bestehen.
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